BR-Andacht vom 11.07.2025
Gottes Zettelwirtschaft
„Für immer mit dir“ steht da auf einem zerknitterten Zettel. Daneben hingekritzelt: „Thank you for saving my life. Danke fürs Leben retten.“ An derDecke baumelt eine krakelige Kinderzeichnung mit einem Haus und vielen Menschen darin.
Ich bin in einer Holzhütte im schottischen Wald, umgeben von unzähligen Botschaften. Die Wände, die Decke – alles ist bedeckt mit flatterndem Papier. Eine Zettelwirtschaft. Die Schotten nennen sie Paper Cabin.
An der Wand steht ein Tisch mit Stiften und leeren Blättern. Mit geschwungenen Buchstaben schreibe ich den Namen einer verstorbenen Freundin auf und pinne den Zettel in die Nähe des Fensters.
Mein Leben fühlt sich auch manchmal an wie eine Sammlung von beschriebenen und unbeschriebenen Blättern. Manches ist erst Entwurf, anderes gelebte Geschichte. Nicht alles fügt sich nahtlos aneinander. Vieles bleibt offen, unvollendet, rätselhaft.
Die Paper Cabin auf der Insel Arran berührt mich. Fremde Menschen teilen Verbindungen, ihre Sehnsucht, wunde Punkte. Die Hütte nimmt die Lebensgeschichten in sich auf und verwahrt sie sorgfältig. Alles findet Platz: Erfüllte und geplatzte Träume.
Ich stell mir vor: Die Zettelwirtschaft ist ein Haus, in dem Gott wohnt. Gott sammelt unsere Geschichten und hebt sie auf. Schaut liebevoll drauf und gibt jedem Zettel einen Platz. Schafft Verbindungen, wo keine waren.
Und am Ende ergibt alles, ich weiß nicht wie, ein einziges großes Ganzes.
Rahel Pereira