Ewigkeitssonntag

Bedenke, dass du sterben wirst...

Stephanie Höhner
Teelichter brennen auf einem weißen Tuch im Altarraum der Himmelfahrtskirche München-Sendling

Ein Name und ein Licht für jede und jeden, die in diesem Jahr gestorben sind. Viele Namen, unbekannt, ungenannt, aber von uns mit bedacht. Namen in unserem Herzen, die wir schon länger mit uns tragen – auch für sie zünden wir im Gottesdienst am Ewigkeitssonntag Lichter an.

Am Ende des Kirchenjahres erinnern wir uns an all die Menschen, die im vergangenen Jahr verstorben sind. Und an alle, von denen wir schon Abschied nehmen mussten.
Wir erinnern uns an all das Schöne, das wir miteinander erlebt haben und an all die Tränen, die wir für sie vergossen haben. Manchmal tut es weh, sich zu erinnern. Manchmal lässt es uns lächeln und wärmt unsere Seele. In diesen Tagen tut es gut, sich dafür Zeit zu nehmen. Für die warme Erinnerung, für die Verzweiflung, für alte Narben und offene Wunden. Und wenn die eigenen Worte fehlen, sind da alte Worte, die wir uns leihen können. Die den Schmerz herausschreien und die Hoffnung geben.

Und Gott wird jede Träne abwischen von ihren Augen. Es wird keinen Tod und keine Trauer mehr geben, kein Klagegeschrei und keinen Schmerz. (Off 21,4)

Jes 65,17-25*
Denn siehe, ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen, dass man der vorigen nicht mehr gedenken und sie nicht mehr zu Herzen nehmen wird. Freuet euch und seid fröhlich immerdar über das, was ich schaffe. Man wird dort niemanden mehr weinen hören, die Klage ist für immer verstummt. Es sollen keine Kinder mehr da sein, die nur einige Tage leben, oder Alte, die ihre Jahre nicht erfüllen. Sie werden Häuser bauen und bewohnen, sie werden Weinberge pflanzen und ihre Früchte essen. Sie sollen nicht bauen, was ein anderer bewohne, und nicht pflanzen, was ein anderer esse. Sie sollen nicht umsonst arbeiten. Und es soll geschehen: Ehe sie rufen, will ich antworten; wenn sie noch reden, will ich hören. Wolf und Lamm sollen beieinander weiden; der Löwe wird Stroh fressen wie das Rind. Man wird weder Bosheit noch Schaden tun auf meinem ganzen heiligen Berge, spricht Gott.

Als dein Himmel begann…
Denn siehe, ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen, dass man der vorigen nicht mehr gedenken und sie nicht mehr zu Herzen nehmen wird.

Ich glaube: dein Himmel begann, als für mich hier eine Welt zu Ende ging. Weil es ab jetzt eine Welt ohne dich war.
Als ich am Grab stehe, Erde in das Loch werfe, ein paar Blütenblätter, geht für mich eine Welt zu Ende. Die Welt mit dir. Für dich beginnt etwas Neues und ich bleibe im Alten zurück. In der Welt, die eigentlich ist wie immer und doch ist nichts mehr so wie es einmal war. Weil du nicht mehr da bist.

Denn siehe, ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen, dass man der vorigen nicht mehr gedenken und sie nicht mehr zu Herzen nehmen wird.

Hildes neuer Himmel begann, als er an ihrem Grab steht. Erde ins Loch wirft, ein paar Blütenblätter. Und für ihn geht eine Welt zu Ende.
Die neue Welt, das ist sein Leben ohne Hilde. Das fängt schon morgens an. Die Bettseite neben ihm ist leer. Er schüttelt nur eine Decke auf. Holt nur eine Tasse und einen Teller aus dem Schrank.
Das Marmeladenglas leert sich viel langsamer und das Brot wird schneller trocken, weil er alleine davon ist. Früher hat er am Wochenende immer Brötchen geholt, für Hilde ein Croissant. Sie hat in der Zeit den Kaffee gekocht und den Tisch gedeckt. Heute stellt er das Geschirr mit den blau-grünen Blumen auf den Tisch. Den Weg zum Bäcker spart er sich meist, lohnt sich für ihn allein nicht. Hilde wollte immer einen großen Becher, damit der Kaffee schön heiß bleibt. Ihm reicht die kleine Tasse. Als er den ersten Schluck nimmt, spürt er an seinen Lippen ein leichtes Kratzen. Am Tassenrand ist ein Stückchen Porzellan heraus gebrochen.

Sie werden Häuser bauen und bewohnen, sie werden Weinberge pflanzen und ihre Früchte essen.

Er hat einen Rosenstock auf ihr Grab gepflanzt. Englische Strauchrose. Direkt neben den Grabstein, damit sie genug Halt hat. Früher haben ihn Blumen nicht interessiert, aber als er das erste Mal an Hildes Grab stand, der Erdhügel war eingefallen, ein letzter Kranz vertrocknete, da wollte er es Hilde schön machen. Also fing er an, Blumen auszusuchen. Für ein Grab passt das eigentlich nicht, sagt der Verkäufer im Blumengeschäft. Er hat die Rose trotzdem gepflanzt. Sie erinnert ihn an den Urlaub, den er mit Hilde in Südengland gemacht hat, kurz vor der Diagnose. Sie hatten noch so vielen Pläne zusammen: Rundreise durch Irland, das Wohnzimmer renovieren und vielleicht ein neues Sofa. Das hat er vor ein paar Wochen allein ausgesucht. Ohne Hilde. Es passen nur noch zwei Personen drauf, das reicht ihm. Er sitzt ja doch die meiste Zeit allein dort. In seinem neuen Leben, in seiner neuen Welt. Ohne Hilde. 

In seiner neuen Welt bringt er die Tulpen jetzt auf Hildes Grab, anstatt für den Esstisch.
In seiner neuen Welt reicht morgens das Brot vom Vortag.
In seiner neuen Welt geht er einmal die Woche Badminton spielen, weil Hilde dabei nicht fehlen kann.
In seiner neuen Welt reist er nach Südfrankreich, weil es Hilde da zu heiß gewesen wäre.

Er lernt, in der neuen Welt ohne Hilde zu recht zu kommen. Er geht jetzt alleine in die Philharmonie und probiert mit seinem Cousin das neue Café im Stadtteil aus. Er lernt, an Hildes Grab zu weinen und sich später auf die Lippe zu beißen, wenn die Nachbarin fragt „Wie geht es ihnen?“ Am meisten fehlt ihm, Hildes Hand zu halten. Das hat er sein Leben lang gemacht. Beim Tanzen und beim Spazierengehen, abends auf dem Sofa. Hand in Hand. Und dann am Schluss, im Krankenhaus. Jetz greift seine Hand ins Leere.

Man wird dort niemanden mehr weinen hören, die Klage ist für immer verstummt.

Er sortiert die Unterlagen vom Krankenhaus aus und räumt die Trauerkarten in einen Karton. Ihr Wintermantel hängt immer noch an der Garderobe.
Er erinnert sich: Sie sitzen zusammen im Arztzimmer, halten sich an der Hand. Und dann kommt der Satz, der ihre Welt in ein davor und danach teilt. Ab jetzt ist nichts mehr wie früher. Ab jetzt leben Hilde und er im Horizont der Krankheit. Und damit auch schon im Horizont ihres Todes. In den nächsten Monaten klammern sie sich an jeden Strohhalm. Zwischen den Behandlungen fahren sie noch einmal an die Ostsee. Doch die langen Strandspaziergänge wie früher schafft Hilde nicht mehr. Er beginnt jetzt schon, manches allein zu machen, ohne sie.
Er erinnert sich: Irgendwann ging die Hoffnung verloren. Er sah es Hilde an. Halbherzig ging sie zur nächsten Behandlung, brauchte mehr Pausen. Sie wollte nicht mehr wissen, was in der Zeitung steht und kontrollierte nicht mehr, ob er die Tomatenpflanzen gegossen hat. Das Leben wurde ihr egal. Weil das Leben zu schwer wurde für sie. Auch das ist jetzt vorbei.

Man wird dort niemanden mehr weinen hören, die Klage ist für immer verstummt.
Denn siehe, ich will einen
neuen Himmel und eine neue Erde schaffen, dass man der vorigen nicht mehr gedenken und sie nicht mehr zu Herzen nehmen wird.

Seine neue Welt ist am Anfang noch voll von Hilde. Das ist schön, aber es tut auch weh. Er fühlt sich ihr immer noch so nah und doch ist da dieses Loch, weil sie eben nicht mehr neben ihm sitzt.
In Gedanken fragt er Hilde, ob er den neuen Pullover wirklich braucht und ob ihr Heide auf dem Grab eigentlich recht ist. Er schmunzelt in Gedanken mit Hilde übe den Nachbarn, der nach zwei Wochen schon wieder Rasen mäht und er hält den Atem an, als Hildes Telefon noch einmal klingelt. Irgendwann nimmt er die sim-Karte heraus.
Langsam gewinnt er Boden unter den Füßen, und gerät doch immer noch leicht ins Wanken, wenn Hildes Lieblingskommissar im Tatort ermittelt und er in der Küchenschublade noch eine Tablettenpackung findet.
Und irgendwann wird ihr Lachen in seiner Erinnerung dumpfer, ihre Stimme leiser, ihr Duft flüchtiger. Er gewöhnt sich daran, findet neue Düfte und Erinnerungen, die sich in seiner Seele sammeln und ihn glücklich machen. Er entdeckt Orte, an denen Hilde nicht fehlen kannst, weil sie nie zusammen dort waren.
Er trifft Menschen, denen er nichts erklären muss, weil sie Hilde nicht kennen.
Die Welt dreht sich weiter und langsam kommt er wieder mit. Und dann trifft es ihn manchmal unerwartet: Das neue Buch der Lieblingsautorin von Hilde im Schaufenster, ihr Lieblingslied von Joni Mitchel im Radio. Und auf einmal hört er sie wieder singen, ihre kräftige Stimme, wie sie lange vor ihrem Tod war. In seinem Hals bildet sich ein Kloß, manchmal laufen ihm ein paar Tränen über das Gesicht. Auf einmal ist ein Stück alte Welt in die neue eingebrochen. Einfach so. Für einen Augenblick ist für ihn alles anders. Und doch alles wie immer, für alle anderen drumherum. Nur ein Lied, nur ein Buch. Für ihn so viel mehr.

Denn siehe, ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen, dass man der vorigen nicht mehr gedenken und sie nicht mehr zu Herzen nehmen wird.

Und für Hilde beginnt der Himmel, als für ihn hier eine Welt zu Ende geht. Die Welt mit ihr. Sie ist nicht mehr von dieser Welt und doch immer noch da: im Wintermantel an der Garderobe, bei jedem Schluck aus dem Kaffeebecher mit den grün-blauen Blumen. Er steht am Grab. Riecht die feuchte Erde. Und denkt an Hilde: 

Ich glaube: dein Himmel begann, als für mich hier eine Welt zu Ende ging.
Für dich beginnt etwas Neues. Ganz anders als alles, was du hier erlebt hast. Und doch irgendwie ähnlich.
Ich glaube: Gott hat auf dich gewartet, und in deinen letzten Tagen konntest du sie schon fühlen oder sehen oder hören. Und Gott hat sich Zeit genommen und ihr habt noch einmal zurück geschaut auf das, was war.
Jede Träne zählt ihr, und jedes Lachen hört ihr noch einmal. Und du hast viel gelacht. Du kannst die Fragen stellen, die du hier nicht mehr geschafft hast und du findest Antworten, nach denen du und ich gesucht haben. Und manchmal sagst du ein „es tut mir leid“, was hier gefehlt hat.
Ich glaube, manchmal tut es weh, zurück zu schauen, aber Gott hält dabei deine Hand. Und oft lächelst du über das, was du siehst. Vielleicht auch über das, was ich hier schreibe.
Ich glaube, dein Himmel begann, als du so viel verstanden hast, mit Gott an der Hand. Wie sie dir tief in die Augen sieht und du das aushältst.

Denn siehe, ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen.
Freuet euch und seid fröhlich immerdar über das, was ich schaffe.

Ich glaube: Dein Himmel, er blüht in rosa-violett, wie die Rosen in Südengland, an denen du dich nicht satt sehen konntest.
Ich glaube: Dein Himmel ist voll Gesang. Joni Mitchell und John Lennon, Schumanns Waldgespräch und die Matthäuspassion. Du bist voll Gesang, deine Stimme ist wieder frei und erklimmt die alten Höhen. Und du stimmst ein in den Lobgesang.
Ich glaube: Dein Himmel duftet nach Zimt und frisch geriebenem Muskat. Wie die Hefeschnecken, die deine Oma immer gebacken hat. Auch sie wartet dort, in deinem Himmel, die ofenwarmen Hefeschnecken stehen bereit, mit Sahne, die anfängt zu zerfließen. Auch die ist wieder erlaubt.
Denn siehe, ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen.
Ich hoffe: Wenn für mich der Himmel beginnt, bist Du auch da.

(Autorin: Pfarrerin Stephanie Höhner)