Redebeitrag Pfarrer Zahn am Christopher Street Day Dachau, 05.07.2026
Sichtbar. Laut. Unverhandelbar.
Liebe Queers, liebe Allies,
heute sind wir hier,
weil es wichtig ist, dass wir sichtbar sind. Für manche ist dieser Tag ein Fest in Erinnerung an die Stonewall Riots am 28. Juli 1969 in New York und unsere erstrittenen Bürger:innenrechte.
Für andere ist er auch ein Tag der Erinnerung daran, wie oft sie sich verstecken mussten, wie oft sie sich erklärt, verteidigt oder klein gemacht haben.
Und genau deshalb ist es wichtig, dass wir uns heute nicht nur sichtbar machen und uns zeigen, sondern auch einander zusagen: Wir gehören dazu, zu dieser Gesellschaft!
Als schwuler Pfarrer der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern sage ich das als Teil der queeren community:
Ich weiß, wie viel Mut es kostet, in Kirche und Gesellschaft sichtbar zu sein, wenn andere einen lieber leise hätten, unauffälliger und weniger bunt.
Ich weiß aber auch:
Gott, die jede* und jeden* geschaffen hat, ist wunderbar. Gott hat sich uns queere Menschen nicht angeschaut und gesagt: Hoppla, da ist mir was schief gelaufen, something queer happened. Er hat uns angeschaut und gesagt, die sind gut geworden. Meine Ebenbilder. Wenn wir uns sichtbar machen und laut machen, machen wir das, weil wir dieselbe Würde tragen wie jedes andere menschliche Wesen auf dieser Welt.
Und deshalb darf ich heute auch klar sagen: Es reicht nicht, uns queere Menschen höflich zu tolerieren. Wir brauchen Respekt. Wir brauchen Sicherheit. Wir brauchen Kirchen, Schulen, Vereine, Arbeitgeber:innen und Familien, in denen niemand Angst haben muss, bloß wegen seiner Identität oder seiner Liebe abgewertet zu werden. Solidarität ist kein freundlicher Zusatz. Sie ist die Konsequenz aus dem, was wir Menschenwürde nennen, was die Bibel Ebenbildlichkeit Gottes nennt.
Gerade als Kirche müssen wir uns daran messen lassen, ob wir einen Raum öffnen oder eng machen, ob wir schützen oder schweigen, ob wir anderen den Himmel öffnen oder ihnen Türen vor der Nase zuschlagen.
Ich wünsche mir eine Kirche, die konsequent an der Seite von Minderheiten steht. Eine Kirche, die zuhört. Die umkehrt in ihrem Denken und dazulernt. Und die ihre Stimme erhebt, wenn Menschen bedroht, beleidigt oder unsichtbar gemacht werden.
Vieles haben wir bereits erreicht, dass queere Menschen in unseren Kirchen heiraten und gesegnet werden, sie mitwirken ehrenamtlich oder hauptamtlich von der Jugendarbeit über Kirchenleitung oder dem Dienst als Pfarrer:innen, Diakon:innen, Prädikant:innen.
Aber es gibt Baustellen, an denen wir weiterarbeiten müssen:
Die allermeisten meiner Kolleg:innen sind positiv gegenüber queeren Menschen eingestellt. Aber sie sind sich nicht bewusst, dass wir als Queers davon nichts wissen. Wo sind die Pride Progressive Flags an unseren Kirchen? Ein Regenbogenherz an den Plakaten? Einfach ein Zeichen, dass wir Queers wissen, hier ist ein safer space und wir sind willkommen.
Auch an der Sprache und den Einsichten können wir nur lernen. Ich komme gerade von einer Fortbildung Kreuz und Queer, queere und gendersensible Ansätze in der Theologie. Solche Fortbildungen haben ja die Tendenz, dass nur Betroffene an ihnen teilnehmen. Aber es waren zwei Drittel Allies dabei, die Interesse hatten, wie queere und gendersensible Perspektiven auf Bibel, Seelsorge, Ethik funktionieren und kommuniziert werden können. Dafür danke ich den Referent:innen und Allies.
Und wir brauchen als Kirche eine klare Abgrenzung zu rechten sogenannten Christfluencer:innen, die sehr cherry picking mit der Bibel umgehen. Wer Menschen ihre Würde abspricht, spricht nicht im Namen Gottes. Das ist keine christliche Rede. Auch für diese Klarheit leiste ich in meinen Teil als Mitglied des queeren Konvents evangelischer Pfarrer:innen und in der Dienstgemeinschaft aller Pfarrer:innen.
Heute auf dem CSD geht es deshalb nicht nur ums Feiern. Es geht auch um Haltung. Um Mut. Um Gemeinschaft. Und um die einfache, starke Botschaft: Wir bleiben sichtbar, wir stehen füreinander ein.
Und wir tragen diese Hoffnung weiter — auf der Straße, in den Gemeinden, in den Familien, an den Arbeitsplätzen und überall dort, wo Menschen noch auf ein freies und gutes Leben warten.
Denn Freiheit beginnt da, wo Menschen ohne Angst leben können. Und genau dafür stehen wir heute hier.
Amen.