Predigten
Mit Gefühl! – 7 Wochen ohne Härte
Keine andere Zeit im Kirchenjahr nimmt uns so auf eine Gefühlsachterbahn mit wie die Passions- und Osterzeit. Himmelhochjauchzend wird Jesu mit seiner Anhängerschaft am Palmsonntag in Jerusalem begrüßt und gefeiert. Doch dann wendet sich die Gefühlslage. Es gibt Gegenwind durch die politischen Machthaber und religiösen Eliten. Verrat liegt in der Luft.
Ein erstes Abrücken der Menschen von dem einst gefeierten Messias ist zu spüren. Im Garten Gethsemane kämpft Jesus gegen sein eigenes Lost-Gefühl. Bei seiner Verhaftung wird es hässlich. Petrus wird in der Folge von der nackten Angst gepackt und verleugnet gleich drei Mal seinen Rabbi. Auf dem Weg zum Kreuz wird Jesus mit Spott und Hohn überzogen. Aus dem psychischen Leidensweg wird ein physischer. Unter dem Kreuz empfinden manche Scham oder sind zu Tode betrübt.
Besonders zart wächst die Osterfreude über Jesu Auferstehung bei Maria von Magdala. Erst allmählich wächst ein anderes Gefühl auch bei seinen übrigen Jünger:innen. Mancher Zweifel mischt sich in die ersten Begegnungen mit dem Auferstandenen. Im Rückblick auf diese bewegte Zeit feiert die Christenheit vor allem die triumphale Freude der Lebensbotschaft am Ostermorgen. Doch die Achterbahn der Gefühle bleibt ein stetiger Lebensbegleiter. Wir alle müssen immer wieder in das Lebensgefühl der Osterbotschaft „auferstehen“.
„Mit Gefühl! – 7 Wochen ohne Härte“ so lautet die diesjährige Fastenaktion der Evangelischen Kirche zur Passionszeit. Sie lädt uns ein wieder mehr Gefühl zu wagen.
Ich höre immer öfters, dass Menschen keine Nachrichten mehr anschauen oder Zeitung lesen, um der eigenen Gefühlsachterbahn angesichts der Lage dieser Welt zu entkommen.
Seit Corona vermeiden wir verstärkt den Kontakt zu Menschen und Situationen, bei denen wir uns selbst nicht „gut fühlen“.
Die diesjährige Fastenaktion lädt uns ein sich mit unseren Gefühlen wieder zu verbinden und in diesen Zeiten nicht zu verhärten.
„Mitgefühl“
Jesus von Nazareth bewegte auf wundervolle Weise die Gefühle der Menschen. Er ging ganz offen mit unseren Schuldgefühlen um, mit unseren Ängsten, unserer Trauer und Wut. Er schwang mit in unserer Sehnsucht nach Gott und unsere Verzweiflung über den Zustand dieser Welt. Er konnte emphatisch nach den Gefühlen seines Gegenübers fragen, oder einfach nur unsere Lebensfreude mitfeiern. Er traf das Bauchgefühl eines wahrhaftigen und lebendigen Menschseins.
Paulus bezeichnet das Bauchgefühl Jesu als Barmherzigkeit und zeigte darin Gottes Gefühle für uns alle.
Es ist dieses Mitgefühl, die Barmherzigkeit, die das Christentum groß machte. Sie ist die fühlbare Osterbotschaft und holt uns in allen Gefühlslagen ab.
Mitgefühl, nicht Härte – so die Lebensbotschaft Jesu - bringt unser Menschsein in Fluss und schafft neue Möglichkeitsräume.
In diesem Sinne schwingen Sie, schwingt Ihr mit Gefühl in den Gottesdiensten und Veranstaltungen der Passions- und Osterzeit mit.
Im Namen des gesamten Teams frohe Ostern!
Olaf Stegmann